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Halide Dolu: „Ali’nin Uşağının Tekellimi“ nebst einer kleinen Bibliographie über Geheim-/ Sondersprachen In
Auszügen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von
Rüdiger Benninghaus |
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Einleitung: In
Anatolien wurde von verschiedenen sogenannten „Geheimsprachen“ berichtet, die
sich vielfach im Umfeld von Turkmenen/ Yörüken und Abdal bewegen, wobei bei
ihnen meist eine Beziehung zu Zigeunern[1] und ihrer Sprache (allgemein: Romani/ Romanes)
festzustellen ist.[2] Die Tatsache, daß derartige Geheimsprachen vor allem bei
alevitischen Gruppen anzutreffen sind, hat sicher auch etwas mit der
jahrhundertelangen, in den letzten Jahr-zehnten jedoch verschwindenden
Geheimhaltungspraxis der Aleviten in bezug auf ihre Identität und ihre
Gebräuche zu tun.[3] Daneben
haben sich vor allem in dem traditionell multiethnischen Istanbul, aber auch
anderswo, verschiedene Argots oder sogenannte „Vogelsprachen“ (Türk.: kuş dili) entwickelt,
in denen armenischer und griechischer Einfluß (in Istanbul und Umgebung)
deutlich sichtbar ist, während weiter östlich, wie im Falle von Malatya, um
das es hier geht, naturgemäß die Nähe zum kurdischen und arabischen
Sprachraum die Geheimsprache(n) geprägt haben.[4] Geheim-
oder Sondersprachen sind auch in Deutschland in verschiedenen Gegenden
anzutreffen.[5] Hier wie dort handelt es sich bei diesen Sprachen um
Mischsprachen mit gewissen künstlichen Veränderungen, die von sozialen
Randgruppen gesprochen werden bzw. wurden. Die frühere, mittlerweile verstorbene
Dekanin der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät an der
İnönü-Universität Malatya, F. Halide Dolu, hat offenbar erstmals in
einem Aufsatz auf eine Bevölkerungsgruppe und ihre Geheim-sprache im
westlichen Teil der Provinz Malatya aufmerksam gemacht. |
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Karte des Gebietes zwischen Darende und Malatya |
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Zwar kündigte sie in ihrem Beitrag zu
einem Symposium eine Weiterarbeit an diesem Thema an, doch scheint sich daraus
keine weitere Veröffentlichung mehr ergeben zu haben. Leider gibt die Autorin weder Hinweise
auf die zahlenmäßige Stärke der behandelten Bevölkerungsgruppe noch genauere
Angaben (bis auf zwei Ortsnamen) über die Orte, in denen sie anzutreffen ist. Auf dem gleichnamigen Symposium im
folgenden Jahr hat Tuncer Gülensoy ebenfalls einen kurzen Aufsatz zum
gleichen Thema geliefert, eigenartigerweise jedoch ohne Dolu auch nur mit
einem Wort zu erwähnen, obgleich er teilweise nicht nur die gleichen Wörter,
sondern auch die gleichen Sätze als Beispiele anführt. Die von Gülensoy
gegebene Wörterliste geht nicht sehr weit über das von Dolu präsentierte
Material hinaus. Seiner Ansicht nach erschöpft sich darin auch schon der
Wortschatz dieser Geheimsprache.[6]
Was er als Sprachwissenschaftler zur Herleitung des Vokabulars zu bieten hat,
ist mehr als dürftig: gerade einmal knapp ein Dutzend Entlehnungen aus dem
Arabischen. Zusammenfassend erklärt er die Herkunft der Wörter als aus dem
Türkischen, Arabischen und westlichen Sprachen (für letztere lediglich ein
Beispiel) stammend. Dolu hat immerhin noch das Persische erwähnt, wenngleich
das, was „persisches“ Vokabular sein soll, in den meisten Fällen wohl
Kurdisch sein dürfte – für türkische Verhältnisse ist eine derartige
Unterordnung der Wissenschaft unter die Staatsideologie nicht
über-raschend. Zwei interessante Beispiele, die bei
Dolu nicht vorkommen, seien hier schließlich noch erwähnt: ‚gelez‘ und ‚sırtısarı‘ (wörtlich:
„die/ der mit gelbem Rücken“), beide als Bezeichnungen für Alevi.[7] Es wurde versucht, die von Dolu
gegebenen Beispiele jeweils etymologisch einzuordnen; das ist dem Herausgeber
nicht immer möglich gewesen, Gülensoy jedoch, wie gesagt, auch nicht. Übersetzung
des Textes: S.105: In dieser meiner Rede möchte ich eine Sprache
ansprechen, über die ich vor einiger Zeit bei einer entspre-chenden Untersuchung von Leuten, die ich in der
Gemeinde[8]
Aşağı Ulupınar von Darende kennengelernt hatte, erfahren
habe, die sich untereinander Hazeyinde nennen. Diese Bevölkerung ist heute im
Tohma-Becken angesiedelt. Einige von ihnen leben am Ufer oder in dessen Nähe,
andere jedoch in den Bergen oder auf den Almen an den Berghängen. Die im
gebirgigen Teil Lebenden sind viel später dorthin gezogen und gehen einer
Älpler-Lebensweise nach. Sowohl die am Flußufer als auch in den Bergen
lebenden Menschen fühlen sich dem Tohma-Fluß verbunden. So wie die Menschen
am Ufer ihre Lebensgrundlage dem Tohma verdanken, so sehen auch die in den
Bergen, auf den Almen mit gleichem Gefühl den Tohma als Lebensquelle an. Diese
Nomadenbevölkerungen, Stämme und Klane, die vom Euphrat-Becken nach Westen
wandern wollten, sind eines Teils, dem Flußverlauf des Tohma folgend, in die
Gegend von Elbistan gezogen. Ein anderer Teil dieser nomadischen
Turkmenenstämme hat sich entschlossen, im Tohma-Becken anzusiedeln und zu
bleiben. Unter den nach dem 10. Jh. sich ansiedelnden Turkmenenstämmen, die
sich heutzutage im Tohma-Becken niedergelassen haben und dort ihr Leben
fristen, finden sich die Stämme der Boyrazuşağı,
Gurduşağı, Senemoğulları, Tataruşağı,
Şeyhuşağı, Mullalıuşağı,
Çobanuşağı, Gasımuşağı, Köraliuşağı,
Uzunhasanlar und Kelhasanuşağı.[9]
Und unter diesen Stämmen gibt es auch einen, den man
„Gallangıçuşağı“ genannt hat. Während die übrigen Stämme
ein „Heim“ gegründet haben, konnten leider die „Gallangıç
Uşağı“ so etwas nicht schaffen, sondern sind nomadisierend
zwischen den anderen Stämmen herumgezogen. Weil sie sich nun keine Heimstatt
schaffen konnten, hat dieser Stamm den Namen „Gallangıç
Uşağı“[10]
bekommen. Diese Menschen haben sich auch den Namen „Alinin
Uşağı“[11]
gegeben. Sei es
als „Gallangıç Uşağı“ oder als „Alinin
Uşağı“, sie bestreiten ihren Lebensunterhalt im allgemeinen
mit Handel und Heilkunde. Vor allem sollen sie sich mit Augenheilkunde
beschäftigen. Diese Personen, die sich nicht nur zwischen den benachbarten
Stämmen bewegen, sondern bis auf den Balkan und nach Kaukasien ziehen, sind
überall zu gesuchten und erwarteten Leuten avanciert. Eben
diese Personen, die sich nirgends fest niedergelassen haben, sich mit Handel
und Augenheilkunde beschäftigen und sich immer als „Fremde“ oder
„Sonderlinge“ betrachten, haben es geschafft, eine lokale „Sprache“ zu
entwickeln, um sich untereinander leicht verständigen zu können. In dieser
Sprache finden sich türkische, arabische, persische, ja sogar russische und
französische Wörter.[12]
Diese so entwickelte Sprache nennen sie „Alinin Uşağının
Tekellimi“[13] und
untereinander machen sie sich als „Zengili“[14]
bekannt. Wenn sie sich treffen, fragen sie z.B.: S.106: „Hazeyn Zengili mi
?“
Oder: „Borancık tekellime arif[15] oluyor mu ?“ Hier
bedeutet ‚Hazeyin‘[16]
„Mann“, das Wort ‚Borancık‘ wird für „Kind“
benutzt. Für einen älteren Mann gebraucht man das Wort ‚Merik‘[17],
für „Frau“ ‚Tille‘[18],
für ein junges Mädchen ‚Cinik‘[19].
Für „Buch“ benutzen sie ‚Kütüp‘[20],
für „Brennholz“ oder „Knüppel“ ‚Hatap‘,
für „Geld“ ‚Talır‘[21],
für „Kleidung“ ‚Libas‘[22],
für „Essen“ ‚Abır‘[23],
für „Brot“ ‚Hubus‘[24],
für „Wasser“ ‚Moy‘[25],
für „Pferd“ ‚Hasbi‘[26],
für „Esel“ ‚Caas‘[27],
für „Ochse“ ‚Bakar‘[28].
Für „groß“ sagen sie ‚Kebir’[29],
für „klein“ ‚Hındık’[30],
für „kommen“ ‚Esmek‘, für „gehen“ ‚Gişmek‘.
Das heißt also, diese Menschen haben eine leicht verständliche Sprache
entwickelt und sprechen sie mit Leichtigkeit. Wie wir
oben bereits bemerkt haben, ist diese Sprache, die aus dem Fremdsein und der
Sonderbarkeit geboren wurde, lediglich einem Teil des Tohma-Beckens eigen.
Sie sprechen auch das reinste Türkisch sehr gut. Wenn es jedoch etwas zu
sagen gibt, was nicht für jedermann bestimmt ist, gebrauchen sie Sätze wie: „Vellehu Hazeyinler kesme. Cort cort nareleme.“ D.h.: „Diese Männer sind nicht in Ordnung, sprich
nichts Falsches, sei vorsichtig.“ Oder ergreifen mit: „Beyite saltat esiyormuş,
gideşelim.“[31]
– „Die Gendarmen sollen ins Haus kommen, ver-schwinden wir von hier.“
Vorsichtsmaßnahmen. Wenn man
die obigen Vokabeln untersucht, so wird man sehen, daß sie heutzutage in
verschiedenen Sprachen in Gebrauch sind. Die Sprache ist aus dem Vokabular
verschiedener Sprachen entwickelt worden. Auch das beweist uns, daß diese
Menschen tatsächlich „Gallangıç Uşağı“[32]
sind. Wie ich oben erwähnt habe, sind sie überall unterwegs und haben überall
Worte aufgeschnappt und so die „Sprechweise der Leute Ali’s“ geschaffen.
Diese Menschen haben tatsächlich große Augenheilkundige und Chirurgen
hervorgebracht, sie waren Heilkundige von Sultanen und an Palästen, und einer
von ihnen hat in den 1870er Jahren dem russischen Kriegsminister das
Augenlicht wiedergegeben und dafür eine goldene Uhr erhalten. Diese Menschen
können außerdem gut reden und gut schreiben, sie haben in der Gesellschaft
die Klasse der Leute gebildet, die gepflegten Gesprächen huldigen. Prof.
Mehmet Eröz spricht in seinem Buch über „Güneyde Türkmen Oymakları“[33]
auch die Gallangıç Uşağı an. Wie oben
angesprochen, hat sich die Heilung des Auges eines Ministers kurz erzählt wie
folgt abgespielt: S.107: Ein Kanonier mit Namen Hasan Efendi aus der
Ortschaft Balaban ist im 93er Krieg (1876) den Russen in die Hände gefallen.
Hasan Efendi ist mit den übrigen Gefangenen in ein Gefangenenlager gebracht
worden. Nach Monaten bzw. Jahren kam ein russischer Minister mit seinem
Anhang, um die Gefangenen zu inspizieren. Als sie an ihm vorbeigingen,
bemerkte der Kanonier Hasan Efendi, daß die Augen des Ministers krank waren.
Einem Freund neben ihm sagte er: „Kebir Hazeyinin covları[34] iyice cortlamış. Hazeyin ben bu covları haditleyebilirim ...“ D.h.: „Die Augen dieses Herren sind ziemlich krank. Mein
Herr, ich kann die Augen dieses Mannes mit Leichtigkeit heilen.“ Diese Worte
hat er vielleicht laut gesprochen, damit sie gehört würden. Denn das Wort
„Hazeyn“ soll Russisch sein. Als der Minister das Wort „Hazeyn“ hörte, wurde
er neugierig, drehte sich um und fragte: „Was sagt dieser Gefangene ?“ Sofort näherten sie sich dem Hasan Efendi, der
ihnen antwortete: „Ich bin Arzt des osmanischen Palastes. Ich habe
gesehen, daß die Augen des Herren krank sind. Ich kann sie behandeln.“ Der Minister ließ Hasan Efendi holen.
Hasan Efendi untersuchte die Augen des Ministers. Als er sagte, daß er die
Augen heilen könne, vertraute ihm der Minister. Tatsächlich hat er dann die
Augen des Ministers mit einer Operation sehend gemacht. Der Minister, der
durch die Operation geheilt worden war, gab Hasan Efendi zum Andenken die
goldene Uhr, die er trug. Diese Uhr ist jetzt den Enkeln geblieben. Die
Informationen und Anmerkungen sind dem Buch des Forschers und
Schriftstellers, des pensionierten Lehrers Mehmet Ali Cengiz: „Tarihi,
Kültürü ve Sosyal Yaşantısı ile Tohma Havzası“ entnommen.
Diese
Leute unter dem Namen Gallangıç Uşağı sind ansässig
geworden. Eine Heimat zu erwerben und Landwirtschaft oder Viehzucht zu
betreiben, gelang ihnen nicht. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit
Handwerk, Handel und Heilkunde. Das Handwerk, das sie vornehmlich betreiben,
ist das Schlosserhandwerk. Ihre Arbeit ist das Herstellen von Taschenmessern
und Messern, das Schleifen und Schärfen von Dechseln, Hackmessern, dehra, Beil, Gelenke von Materialien
mittels Schleifstein. Außerdem führen sie Arbeiten aus wie die Herstellung
von Kekilcek, d.h. Schmuckgegenständen wie Gürtelschließen und
Schminktöpfchen und die Reparatur von Feuerzeugen. Ein Teil dieser Leute sind
„Çerçi“ genannte herumziehende Händler hat sich auf den Verkauf von „Metah“
genannten Kurzwaren verlegt. Diese Waren werden in besonders hergestellten
Vitrinen angeboten. Diese Leute müssen, um ihr Handwerk und ihre Tätigkeiten
auszuüben, weit in die Ferne ziehen. Auf eine Sache jedoch legen sie wert.
Die wegen des Handwerks, des Wanderhandels oder der Heilkunde in die Fremde
gehenden Leute ziehen nicht allein los, sondern auf jeden Fall mit einem
Gefährten. S.108: Dort, wo sie sich aufhalten, sind sie gezwungen,
vor allem in Bezug auf ihre Tätigkeiten mit ihren Gefährten heimlich zu
sprechen, so benutzen sie also die „Sprechweise der Leute Ali’s“ und
verständigen sich darin mit Leichtigkeit. Wenn es z.B. darum geht, etwas zu
reparieren oder zu schleifen und der Handel mit dem Kunden abgeschlossen ist,
der Kunde sich jedoch weigert, das geforderte Entgelt zu zahlen, spricht er
zu seinem Kollegen folgendermaßen: „Özüm kitir[35] istedim Hazeyn de hindik[36] estiriyor, yoksa gişedecek.
Ne Nareliyorsun ?“ D.h.: „Für die Arbeit habe ich viel Geld verlangt. Der
Mann will jedoch nur wenig geben. Wenn ich es dafür nicht tue, geht er. Was
meinst Du, soll ich’s tun oder nicht ?“ Wenn der Gefährte die Arbeit annehmen
will, gibt er mit: „Gişettirme Hazeyinin talırını.“ eine positive Antwort.
Das untenstehende Gespräch ist nach der Untersuchung eines Augenkranken
geführt worden. Bei dem Kranken befinden sich Angehörige. Nach der
Untersuchung ist es notwendig, daß sich die beiden Kollegen verständigen.
Kann das Auge geheilt werden oder nicht ? Wieviel „Talır“ soll man für
die Operation nehmen, oder in wieviel Tagen wird das Auge geheilt sein ? Bei
dieser Gelegenheit eben verständigen sich die beiden Kollegen, während sie
die Untersuchung durchführen, ohne daß jemand etwas „versteht“ und planen die
auszuführende Arbeit. Falls
die Operation nicht erfolgreich ist und ... <Druckfehler machen diesen Teilsatz unverständlich>, dann
ist es notwendig, daß sie sich, ohne daß jemand etwas merkt, darüber
verständigen, was zu tun ist. Wenn es nötig ist, heimlich zu verschwinden: „Hazeyinin
ayrıları gittikçe cortlaşıyor. Kepecek.
Beyittekiler reketlerlerken gariyeden[37] gişedelim. Sen hasziyi[38] moy yeslemek için estir. Özüm de eserim ...“ D.h.: „Die Augen des Mannes verschlechtern sich immer mehr.
Er wird sterben. Wenn die Hausangehörigen sich schlafen gelegt haben, geh Du
das Pferd tränken, ich nehme die Sachen und wir hauen ab.“ Die
Menschen dieses Gebietes sind sehr fleißig und geschickt. Bevor sie ins
wehrpflichtige Alter kommen, bereiten sie sich vor, werden auf jeden Fall mit
anderen ihrer Leute[39]
Soldaten und versehen ihren Dienst am Vaterland. Die im Handel tätigen
Personen lassen sich zuerst bei den Finanzbehörden registrieren und brechen
dann in die Fremde auf. In der Fremde wollen sie keine Probleme erleben. Sie
sind besonders respektvoll und fast alle sind kultivierte und gebildete
Menschen. Dort wo sie Unterkunft finden, in „Restaurants“ (Gäste-zimmer)
lesen sie der Gemeinschaft (der Gesellschaft) Bücher vor („Kütüp hatmederler“) und pflegen eine
gewählte Sprache („milih[40] tekillim narelerler“). Alle sind
Muslime, sie halten die Gebetszeiten S.109: und fast überall fungieren sie als Vorbeter.[41]
Bei ihren Tätigkeiten gibt es nichts „Verbotenes“ oder „Illegales“. Ihre
Arbeit und ihr Verdienst bewegt sich in legalen Bahnen. Diese Menschen sind
in den letzten fünfzig Jahren bodenständig geworden, alle haben begonnen,
ihren Lebensunterhalt vom Boden oder vom Handel zu bestreiten.[42]
Die junge Generation weiß schon fast nicht mehr, daß sie „Ali’s Leute“ sind
und daß es solch eine Sprache gibt. Alles was sie wissen, ist, was sie von
den Erwachsenen hier und dort aufgeschnappt haben. Vielleicht wird es in
fünfzig Jahren niemanden mehr geben, der auch nur ein Wort dieser Sprache
kennt oder sprechen kann. Denn die Situation ihrer einstigen
Nichtseßhaftigkeit, ihrer Existenz als „Gallangıç Uşağı“,
genauer gesagt ihres Fremdseins, hat sich völlig verändert, niemand ist mehr
„fremd“, es gibt keinen „Sonderling“ mehr, es besteht keine Notwendigkeit
mehr, herumzuziehen. Mit dem Verschwinden dieses Bevölkerungselementes, das
jene Sprache geschaffen hat, der Notwendigkeit für eine solche Sprache und
deren Funktion, wird sie schließlich zu ihrem Ende gelangen. ...[43] S.110: Ich habe hier besondere Informationen über eine
die „Sprechweise der Leute Ali’s“ genannte Sprache und das Gebiet, in der sie
gesprochen wird <wurde>
gegeben. Ich glaube, daß ich, wenn ich meine Arbeit ausgeweitet habe und mein
Buch mit einem Wörterverzeichnis, das das Vokabular genauer umreißt, gedruckt
worden ist, dieses Buch ein Beitrag für Leute sein wird, die über die
türkische Sprache und besonders die anatolischen Dialekte arbeiten. |
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Literatur: Bei
der kleinen Zusammenstellung von Literatur zu Geheim-/ Sondersprachen,
vornehmlich in Mitteleuropa, ging es dem Verfasser vor allem um Publikationen
zum Rotwelschen/ Jenischen und weniger um Berufssprachen, die nichts oder nur
wenig mit diesem zu tun haben; dennoch wurden auch einzelne
Veröffentlichungen dazu aufgenommen. Sicherlich ist eine Abgrenzung zu
verschiedenen Slangs, Argots, zu Subkultursprachen usw. in manchen Fällen
nicht scharf zu treffen, doch sind diese nicht immer auch geheim gehaltene
Sprachen. Es
muß eigentlich nicht betont werden, daß diese kleine Zusammenstellung von
einer annähernden Vollständigkeit weit entfernt ist. Die
für den obenstehenden Aufsatz verwendete Literatur ist in dieser Liste
integriert. Mit * versehene Publikationen konnte bisher
noch nicht eingesehen bzw. auf ihre bibliographische Richtigkeit überprüft
werden. *ACAR, Turgut: Doğu
Anadolu’da Yaşayan Gizli Bir Meslek Dilinin Yapısı ile
Türkçenin Benzerlikleri <Türk.:
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Vagatorum
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Wandermusikant aus Hundeshagen In:
Thüringer Allgemeine (Lokalausgabe Eichsfeld), 09.03.2002 Erfurt ARNOLD, Hermann: Rotwelsch im Hunsrück und in benachbarten Gebieten In: Kurtrierisches Jahrbuch, 1.Jg. (1961), S.106-119 Trier ARNOLD, Hermann: Rotwelsch sprechende
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Willi: Jenisch:
Sprache entsteht am Lagerfeuer (II) In: Swissinfo, 14.07.2004 Bern <im Internet: http://www.swissinfo.org/sde/Swissinfo.html?siteSect=105&sid=5073963> *YENİSEY, F.: Bursa ve mülhakatında bazı şive
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© Rüdiger Benninghaus,
Köln 2002 zuerst veröffentlicht am 5.Juli 2002Ergänzt am 24.Juli 2004
Neuer Zähler ab
16.11.2007: |
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[1] Es wird hier allgemein von
Zigeunern gesprochen, um sich im Einzelfall nicht auf eine bestimmte Gruppe
(Roma, Karaçi, Poşa, Mıtrıp) festlegen zu müssen. Eine kurze Darstellung
verschiedener Zigeunergruppen in der östlichen Türkeihälfte findet sich bei
BENNINGHAUS 1991.
Die folgenden Anmerkungen
stammen sämtlich von dem Übersetzer dieses Artikels; der Artikel selbst hat
keinerlei Fußno-ten.
[2] Es scheint wohl nicht selten
der Fall zu sein, daß sich zigeunerische Gruppen nach außen hin als „wandernde“
Turkbe-völkerung, sprich Yörüken oder Turkmenen ausgeben. S. auch LEWIS
(1950/55, S.221 f. und 226), der zu der Auffassung neigt, daß es sich bei den
sogenannten Geygelli-„Yörüken“ im Gebiet von Dinar (Provinz Afyon) eigentlich
um Zigeuner oder Abdal handelt.
[3] Dieser Ansicht ist auch
AKPINAR (1989, S.42 ).
[4] Einige Arbeiten über Argots
in verschiedenen Teilen der Türkei: AKPINAR 1989; AKTUNÇ 1990; CAFEROĞLU 1952
und 1954; DEVELLİOĞLU 1959; MIKHAULOV 1930; SPIES 1931;
STEINHERR 1932; YENİSEY 1955.
[5] Beispiele aus verschiedenen
Regionen finden sich in der Literaturliste.
[6] GÜLENSOY 1988, S.136.
[7] GÜLENSOY 1988, S.138.
[8] Aşağı
Ulupınar ist ein Dorf und hat keinen Gemeindestatus. Der alte Name des
Dorfes ist Seterek, er mag aus dem Armenischen stammen. Jemand aus der Provinz
Malatya, der den Ort häufig besucht hatte, beschreibt die Bevölkerung als
(äußerlich) relativ homogen, blondhaarige und blauäugige Typen sollen
allerdings häufiger dort vorkommen. Nach seiner Meinung war bei der Bevölkerung
weder ein kurdischer noch ein turkmenischer oder (dunkelhäutiger) Abdal-Typus
zu erkennen. Er war einmal Zeuge davon, daß Leute aus dem Dorf eine ihm
unbekannte Sprache sprachen. Auf die Frage, was das denn wäre, meinte man, daß
das vielleicht ein armenischer Dialekt sein könnte. Dabei war nicht klar, ob
die Sprecher sich tatsächlich selbst nicht über ihre Sprache im klaren waren,
oder ob sie etwas verschleiern wollten. Bei dem wenigen, was Dolu hier in ihrem
Aufsatz an Beispielen für die Sprache vorlegt, ist allerdings kaum etwas
Armenisches zu erkennen. Außerdem würde eine bekannte Sprache wie das
Armenische wohl nicht die Funktion einer Geheimsprache erfüllen können; denn man
müßte immer damit rechnen, daß diese jemand verstehen könnte. So bedarf es
tatsächlich einer besonderen Mischung aus verschiedenen Sprachen, die nur der
eigenen Bevölkerungsgruppe bekannt ist.
[9] Einige dieser
Stammesbezeichnungen, die eine dialektale Färbung aufweisen, können auch
folgendermaßen geschrieben werden: Poyrazuşağı,
Kurtuşağı, Kasımuşağı.
Çobanuşağı, Kasımuşağı,
Kurtuşağı und Tataruşağı sind Dörfer in dem
Darende benachbarten Kreis Akçadağ.
[10] Kırlangıç heißt
die Schwalbe auf Türkisch, Gallangıç offenbar im regionalen Dialekt. Im
übertragenen Sinn bezeichnet man jedoch auch mit kırlangıç
herumziehende „Volksmediziner“, die besonders Augenkrankheiten behandeln, eben
eine der Hauptbeschäftigungen der „Ali’nin Uşağı“ (s. STEUERWALD
1997, S.527). Daneben findet sich jedoch in dem Darende benachbarten Kreis
Yeşilyurt ein Dorf namens Kırlangıç (früher: Gelengeç) (s.a.
ŞAHHÜSEYİNOĞLU 1996, S.29). Ob eine Beziehung zu diesem Dorf
besteht, etwa derart, daß diese Bevölkerung eine Zeitlang dort gelebt hat oder
noch lebt, kann derzeit nicht beantwortet werden.
[11] Der Begriff „uşak“
(uşağı) hat je nach Gebiet in der Türkei unterschiedliche
Konnotation. Er bedeutet: Sohn, Anhänger, Bediensteter und wird häufig (meist
in der Singularform) zur Benennung von Stämmen und Klanen verwendet. Ali’nin
Uşağı könnte also als „Alis Leute“ übersetzt werden, wobei offen
bleibt, ob es sich bei Ali um einen tatsächlichen oder legendären Vorfahren der
Gruppe handelt, der ihr den Namen eingebracht hat, oder um den Schwiegersohn des
Propheten Muhammad, den „Stammvater“ des schiitischen Islams und seiner
zahlreichen Derivate. Wie weiter unten aus dem Text (S.108 f.) hervorgeht, ist
die hier behandelte Bevölkerung zumindest nominell und nach außen hin
muslimisch und nicht alevitisch, während die Abdal, an die man immer wieder
versucht ist zu denken, alevitisch ist. Der Kreis Darende ist überwiegend
sunnitisch besiedelt mit nur wenigen alevitischen (Turkmenen) Dörfern.
[12] Die von Dolu präsentierten
Beispiele weisen, neben einem „verderbten“ Türkisch vor allem arabische und
kurdische Worte auf.
[13] Tekellim oder tekellüm ist
eine heutzutage nicht jedem Türken mehr verständliche Entlehnung aus dem
Arabischen, die „das Sprechen“ bedeutet, dementsprechend also wörtlich: „das
Sprechen der Anhänger (oder Abkömmlinge) Ali’s“.
[14] Die Bedeutung dieser
Bezeichnung konnte bisher nicht gefunden werden, jedoch sei an dieser Stelle
erwähnt, daß einer der alten Namen für Darende (vom Namen der dortigen Burg
abgeleitet) „Zengibar“ war. Jemand der aus dem Gebiet von Darende stammt, mag
sich als Zengili (das ‘-li‘-Suffix als Herkunftsbezeichnung) bezeichnen/
bezeichnet haben. Dieser Auffassung ist auch GÜLENSOY (1988, S.138).
[15] Arif, „verstehen“, ist dem
Arabischen entlehnt.
[16] Xoziyayin hat im Russischen
mehrere Bedeutungen: Besitzer, Hausherr, Wirt, Ehemann, Chef (als Anrede).
[17] Aus dem Kurdischen.
[18] In den
Provinzen Tokat und Sivas wird als eine Bedeutung von ‚tille’ „Kind“ angegeben
(Derleme Sözlüğü 1978, S.3932).
Interessanterweise taucht das Wort auch
im Argot in Deutschland (Hamburg) in der Bedeutung „Frauenzimmer, welches
für
Geld zu haben ist“ auf (auch allgemein
als „Mädchen“, teils in den Varianten Dille, Dôlle, Dölle) (GROSS 1900 c,
S.278).
[19] Aus dem Kurdischen
(jın/ jınık, Frau).
[20] Türkisiertes Arabisch,
vgl.: kütüphane (Bibliothek).
[21] Offensichtlich aus dem
Deutschen (Taler).
[22] Aus semitischen Sprachen,
hier wohl dem Arabischen.
[23] Kurd.: aburi/ abori (Lebensunterhalt).
[24] Aus dem Arabischen.
[25] Aus dem Arabischen (may). Auch
in der langsam verschwindenden Geheimsprache der Çepni in der
İzmir-Bergama-Gegend wird/ wurde moy für „Wasser“ (und auch „Regen“)
gebraucht (AKPINAR 1989, S.42).
[26] Aus dem Kurdischen (hesp).
[27] Aus dem Arabischen
(ca[a]ş), jedoch auch im Kurdischen gebraucht (für: Spitzel).
[28] Aus dem Arabischen.
[29] Aus dem Arabischen.
[30] Aus dem Kurdischen
(„wenig“).
[31] ‚Beyt‘ ist Arabisch (Haus),
‚saltat‘ dürfte wohl von „Soldat“ abgeleitet sein. Hier wie auch in anderen
Sätzen zeigt sich, daß die hier behandelte Sprache bei zahlreichen Vokabeln aus
verschiedenen anderen Sprachen einer türkischen Grammatik folgt.
[32] S. oben Anmerkung 6.
[33] „Die Turkmenenstämme des
Südens“, Ein Buch des Autors unter diesem Titel konnte nicht gefunden werden.
Vielleicht handelt es sich um Eröz‘ Buch „Doğu Anadolu'nun Türklüğü“
(Das Türkentum Ostanatoliens), Istanbul 1982.
[34] Aus dem Kurdischen (çav,
Auge).
[35] Aus dem Arabischen (k’thir,
viel).
[36] Es muß hındık heißen (s.o. Anm.23).
[37] Wohl Arabisch (kariye) für
“Ortschaft“.
[38] Schreibfehler, es muß haspiyi heißen.
[39] Der von der Autorin
gewählte Ausdruck „benzerleri“ ist wohl nur so zu verstehen.
[40] Aus dem Arabischen
(m<a>lih”, schön).
[41] Die Bevölkerung von Darende
sind in der Türkei, fast so wie die Leute aus Of (Provinz Trabzon) als islamische
Funktionäre (Imame, Muezzine) bekannt. Die Tatsache, daß die hier behandelte
Bevölkerungsgruppe ebenfalls diesem Bild entspricht, mag gegen die Vermutung
sprechen, daß es sich bei ihnen um Abdal handelt; diese sind im allgemeinen
(zumindest nominell) Aleviten.
[42] Was haben diese Menschen
denn vor fünfzig Jahren gemacht ? Die Autorin scheint fast mehr zu
verschweigen, als daß sie offenlegt. Die Bevölkerung von Darende hat allgemein
den Ruf, früher viel Bettelei betrieben zu haben. Sie ist jedoch auch in der
gesamten Türkei als Händler bekannt (s. auch GÜLENSOY 1988, S.136).
[43] Es folgt eine geographische
Beschreibung des Tohma-Gebietes, die uns hier jedoch nicht interessiert.